Sonia Kleindorfer: Wie viel Gefühl steckt in einer Gans?
Vor dem alten Forschungsgebäude in Grünau im Almtal plätschert ein Brunnen. Nach und nach kommen Graugänse angeflogen, landen auf der Wiese und melden sich lautstark zu Wort. Mittendrin sitzen Robert Steiner, Peter Zeitlhofer und Sonia Kleindorfer. Für Folge 108 von „ned zwida – der Salzkammergut Podcast“ besuchen wir die Leiterin der Konrad Lorenz Forschungsstelle dort, wo ihre Arbeit besonders anschaulich wird: mitten unter den Tieren.

Jede Gans hat ihre Geschichte
Wer Sonia Kleindorfer zuhört, lernt bald einzelne Persönlichkeiten kennen. Boris zum Beispiel ist eine weibliche Graugans, die während eines Schneesturms verschwand. Später wurde sie in Bayern gefunden, flog dort wieder davon und kehrte Monate danach ins Almtal zurück. Sonia erzählt davon mit einer Zuneigung, die im Verlauf des Gesprächs immer wieder spürbar wird.
Und dann ist da Besenstiel. Der Gänserich wartete morgens vor einer Hütte auf handaufgezogene Junggänse, begleitete sie bei kleinen Flugübungen und brachte sie abends zurück. Sonia beschreibt ihn als besonders soziales Tier, das sich auch um nicht verwandte Junge kümmerte. Es sind solche Beobachtungen, die ihre Forschung für uns greifbar machen: Welche Unterschiede gibt es zwischen den Tieren? Wie entstehen Beziehungen? Und welche Aufgaben übernehmen einzelne Mitglieder einer Schar?
Wer führt, und wer folgt?
Eine der überraschendsten Erkenntnisse des Gesprächs betrifft die Gefolgschaft. Sonia erklärt, wie ihr Team unterschiedliche Persönlichkeitsmerkmale untersucht. Wie reagiert eine Gans auf etwas Unbekanntes? Wie verhält sie sich gegenüber einem möglichen Fressfeind? Und wie aggressiv ist sie?
Bei der Frage, welchen Tieren andere beim Abflug folgen, erwies sich Mut als entscheidend. Besonders neugierige Gänse schlossen sich den mutigen an. Aggressive Tiere wurden dagegen vor allem von ihren Familienmitgliedern begleitet. Gleichzeitig gibt es in der Schar eine Dominanzhierarchie, die etwa beim Zugang zu knappem Futter eine Rolle spielt. Gefolgschaft und Rangordnung sind also verschiedene Dinge. Sonia zeigt uns, wie unterschiedliche Eigenschaften zum Zusammenleben beitragen.
Liebe, Partnerwechsel und Stimmen aus dem Ei
Auch das vertraute Bild von der lebenslangen Gänsepartnerschaft bekommt im Gespräch einige Ergänzungen. Sonia erzählt von langjährigen Paaren, von Trennungen, neuen Beziehungen und Tieren, die Single bleiben. Die soziale Welt, die sie beobachtet, ist vielfältig.
Ihre Geschichten machen neugierig auf die Forschung dahinter. Schon vor dem Schlüpfen verständigen sich die Küken im Ei, erzählt sie. Später entwickeln sich aus den zunächst ähnlichen Rufen individuelle Stimmen. Die Gänse erkennen einander – und Sonia kann ebenfalls manche Tiere an ihren Rufen unterscheiden. Aus dem vermeintlich gleichförmigen Geschnatter wird eine Unterhaltung zwischen vertrauten Individuen.
Sonia Kleindorfer: von Philadelphia ins Almtal
Sonias Interesse an diesen Unterschieden begann früh. In ihrer Kindheit in Philadelphia nahm ihre Großmutter streunende Tiere auf. Für Sonia war dadurch selbstverständlich, dass nicht jede Katze und jeder Hund gleich war. Ein Mikroskop von botanisch interessierten Nachbarn und eine Vorlesung über Tierverhalten wurden zu weiteren Wegmarken.
Nach vielen Jahren im Ausland bedeutete der Wechsel ins Almtal einen Neuanfang. Sonia erzählt offen davon, wie es sich anfühlt, ein eingespieltes Team zurückzulassen und wieder Vertrauen aufbauen zu müssen. Bei den Menschen ebenso wie bei den Gänsen. Ein besonderer Moment war für sie, als eine Gans eigens einen Umweg machte, um sie zu begrüßen.
Forschung, Geschichte und Verantwortung
Zum Gespräch gehört auch Konrad Lorenz. Wir sprechen über seinen Einfluss auf die Verhaltensforschung und über seine Verbindung zum Nationalsozialismus. Sonia erläutert ihre persönliche Haltung zum Umgang mit seinem wissenschaftlichen Werk und seiner politischen Vergangenheit. Eine andere prägende Persönlichkeit begegnete ihr mit Jane Goodall. Besonders geblieben ist ihr der Gedanke, dass Naturschutz die Menschen einbeziehen muss. Diese Haltung begleitet ihre Arbeit bis heute. Sonia beschreibt sich selbst als „Journalistin der Tierwelt“: beobachten, Fragen stellen und weitergeben, was sie herausgefunden hat.
Ein Besuch von Boris
Gegen Ende sprechen wir noch über neue Forschungsfragen zum Zusammenhang zwischen Mikrobiom und Persönlichkeit. Dann bekommt das Gespräch eine sehr unmittelbare Wendung: Boris steht zwischen Sonias Füßen und begrüßt sie. Für einen Moment ist die Gans wichtiger als die nächste Frage.
Vielleicht passt genau das zu dieser Folge. Sonia Kleindorfer lädt dazu ein, aufmerksam zu bleiben und Tieren mehr zuzutrauen. Wer nach dem Gespräch eine Graugans sieht, fragt sich womöglich zuerst: Welche Geschichte hast du?
Die ganze Begegnung gibt es in Folge 108 von „ned zwida – der Salzkammergut Podcast“ mit Robert Steiner und Peter Zeitlhofer – auf Spotify, Apple Podcasts und als Video auf YouTube.
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