Folge 105: Zwischen Himmel und Erde: Kaplan Jakob Stichlberger über Glaube, Berufung und das Leben als Priester
Warum wird ein junger Mensch heute noch Priester? Es ist eine Frage, die Jakob Stichlberger vermutlich oft gestellt bekommt. Dabei beginnt seine Geschichte viel früher. Schon als Kind in Mattighofen, als Ministrant am Altar, faszinierte ihn die katholische Liturgie. Die Kirchenräume, die Rituale, die Gewänder, die Farben, das Zeremoniell – all das zog ihn an. Aus dieser Faszination für das Äußere entwickelte sich mit den Jahren eine Auseinandersetzung mit dem, was dahinterliegt. Und irgendwann wurde aus einem kindlichen Wunsch ein Lebensweg.

Ein Berufswunsch, der bei Jakob Stichlberger schon als Kind begann
2025 wurde Jakob Stichlberger im Linzer Mariendom zum Priester geweiht. Er war einer von nur vier Neupriestern der Diözese Linz. In seiner Heimatpfarre Mattighofen feierte er die erste Primiz seit 130 Jahren. Heute lebt und arbeitet er als Kaplan in Bad Ischl, unterrichtet Religion an der Mittelschule und an der Tourismusschule und ist damit täglich auch mit einer Generation konfrontiert, für die Kirche längst nicht mehr selbstverständlich zum Leben gehört.
Wie erklärt man Jugendlichen heute Gott?
Wie erzählt man einem Dreizehnjährigen heute von Gott? Jakob versucht es vor allem persönlich. Sobald Unterricht nur noch aus Buchseiten und Lehrstoff besteht, merkt auch er, wie schnell die Aufmerksamkeit nachlässt. Anders ist es, wenn er aus seinem eigenen Leben erzählt. Glaube, sagt er sinngemäß, müsse auch durch Menschen sichtbar werden. Sein Ziel ist deshalb nicht nur, Wissen zu vermitteln, sondern Jugendlichen einen Raum zu geben, in dem Fragen Platz haben: über Religion, aber genauso über das Leben, richtig und falsch, Krisen und die Welt, in der sie aufwachsen.
Der Mensch hinter dem Priester
Überhaupt ist Jakob Stichlberger weit entfernt von dem Bild eines unnahbaren Geistlichen. Er beschreibt sich selbst als kulturverliebt, als Genussmenschen, der gerne gut isst, etwas Gutes trinkt und Freundschaften pflegt. Bad Ischl passt inzwischen erstaunlich gut zu ihm. Obwohl er zunächst gar nicht begeistert war, als ihm mitgeteilt wurde, dass er ins Salzkammergut kommen würde. Heute schätzt er genau das, was ihn anfangs skeptisch gemacht hatte: die Eigenheiten der Region, die Traditionen und gleichzeitig das für eine kleine Stadt außergewöhnlich intensive kulturelle Leben.
Zwischen Tradition und Veränderung
Dann wird das Gespräch grundsätzlicher. Warum verliert die Kirche so viele Menschen? Eine einfache Antwort hat auch der junge Priester darauf nicht. Er glaubt aber, dass viele weniger mit Religion an sich als mit ihrer institutionalisierten Form und mit der Sprache der Kirche fremdeln. Kirche müsse wieder lernen, ihre Botschaft in einer Sprache auszudrücken, die Menschen heute erreicht. Gleichzeitig verteidigt er Tradition, Liturgie und die jahrhundertealten Schätze der katholischen Kirche. Sie seien für ihn kein Selbstzweck. Entscheidend sei, womit man sie inhaltlich füllt.
Was ihn an der Kirche selbst stört
Auch mit seiner eigenen Institution geht Jakob nicht unkritisch um. Die Kirche beschäftige sich zu viel mit sich selbst, sagt er. Zu viele Diskussionen über Strukturen, zu viele Sitzungen, zu viele Gremien. Er würde lieber öfter darüber sprechen, was die Botschaft Jesu für Menschen heute bedeuten kann. Seine Einschätzung fällt dabei nicht verbittert aus. Im Gegenteil: Er sagt ausdrücklich, dass er die Kirche liebt – einschließlich mancher Dinge, die ein wenig verstaubt wirken.

Liebe, Zölibat und die Frage nach dem eigenen Weg
Am persönlichsten wird das Gespräch, als es um Zweifel, Partnerschaft und Zölibat geht. Ob sein Weg für ihn wirklich in Stein gemeißelt sei? Ja, sagt Jakob ohne langes Zögern. Gleichzeitig erzählt er überraschend offen, dass er während seiner Schulzeit einmal sehr verliebt war. Was gewesen wäre, wenn diese Liebe erwidert worden wäre, weiß er nicht. Heute sagt er von sich, dass er gerne allein lebt und sich auch zu diesem Lebensmodell berufen fühlt. Für ihn sei der Zölibat nicht nur ein Verzicht, sondern auch eine Frage der Treue zu einem Versprechen.
Glaube – oder Gewissheit?
Und dann sind da jene Fragen, die weit über die katholische Kirche hinausgehen. Ist Gott für ihn Glaube oder Wissen? Jakob spricht von einer Gewissheit. Besonders spürbar wurde sie für ihn nach dem Tod des Bad Ischler Stadtpfarrers Christian Öhler, mit dem er im Pfarrhof zusammengelebt hatte. Für Jakob war klar: Es wird ein Wiedersehen geben.
Zwischen Himmel und Erde
Auf die Frage, wo ihm Gott begegnet, braucht er schließlich nur drei Worte: „In der Schönheit.“ In einer Blume ebenso wie im Blick auf die Berge, in der verschwenderischen Vielfalt der Natur, in Musik, Liturgie und all jenen Dingen, die über die reine Funktion des Lebens hinausweisen.
Vielleicht erklärt genau das auch, warum Jakob Stichlberger am Ende ein so passendes Bild für seinen Beruf findet. Hat er sein Leben Gott gewidmet oder eigentlich den Menschen? Er will beides nicht voneinander trennen. Für ihn bedeutet Priestersein, zwischen diesen beiden Polen zu leben: „ausgespannt zwischen Himmel und Erde“.
Und selten hat ein Satz eine Podcastfolge besser zusammengefasst.
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