Folge 110: 100 Meter unter Hallstatt: Eine Reise in die Vergangenheit mit Daniel Brandner
Was verraten jahrtausendealte Abfälle über das Leben unserer Vorfahren? Und welche Geheimnisse liegen noch immer tief im Salzberg verborgen? Für eine außergewöhnliche Folge von „ned zwida – der Salzkammergut Podcast“ haben sich Peter Zeitlhofer und Robert Steiner gemeinsam mit dem Archäologen Daniel Brandner rund 100 Meter unter die Erdoberfläche begeben. Mitten hinein in eine Welt, die vor mehr als 3.000 Jahren voller Leben war.

Ein Podcast aus dem Inneren des Salzbergs
Normalerweise sitzen Peter und Robert ihren Gästen in einem gemütlichen Studio oder an einem schönen Platz im Salzkammergut gegenüber. Diesmal ist alles anders. Der Aufnahmeort ist eine bronzezeitliche Abbaukammer im prähistorischen Salzbergwerk Hallstatt, rund 100 Meter unter der Erdoberfläche. Dort, wo heute Wissenschaftler nach Spuren der Vergangenheit suchen, haben vor etwa 3.200 Jahren Menschen Salz aus dem Berg geschlagen.
Ihr Gesprächspartner kennt diesen außergewöhnlichen Ort wie kaum ein anderer: Daniel Brandner, Archäologe am Naturhistorischen Museum Wien und seit 2023 Leiter der Ausgrabungen im prähistorischen Salzbergwerk Hallstatt. Seit 2012 kommt der gebürtige Steirer regelmäßig hierher, um gemeinsam mit seinem Team die Geheimnisse einer der bedeutendsten archäologischen Fundstätten Europas zu erforschen.
Was Hallstatt für die Wissenschaft so außergewöhnlich macht, ist die konservierende Wirkung des Salzes. Materialien, die an anderen Fundorten längst vergangen wären, sind hier über Jahrtausende erhalten geblieben. Holz, Leder, Textilien, Werkzeuge, Lebensmittelreste und sogar menschliche Ausscheidungen erlauben faszinierende Einblicke in eine Welt, die eigentlich längst verschwunden ist.
Wie lebten die Menschen vor 3.200 Jahren?
Wer sich die Bronzezeit vorstellt, denkt möglicherweise an primitive Lebensbedingungen und Menschen, die mit einfachen Werkzeugen mühsam ums Überleben kämpfen. Doch die Wirklichkeit war wesentlich komplexer. Im Salzbergwerk Hallstatt existierte bereits vor Jahrtausenden ein hochorganisierter Bergbaubetrieb mit riesigen Abbaukammern, ausgeklügelten Transportwegen und einer erstaunlich leistungsfähigen Infrastruktur.
Daniel Brandner schildert im Podcast, wie man sich einen gewöhnlichen Arbeitstag damals vorstellen kann: das dumpfe Schlagen der Pickel gegen das Salz, das Licht unzähliger brennender Holzspäne, Menschen beim Transport schwerer Lasten und dazwischen die gemeinsamen Essenspausen. Auf dem Speiseplan standen beispielsweise Eintöpfe aus Saubohnen, Gerste und Hirse, ergänzt durch Fleisch. Selbst Haselnüsse und Apfelkerne finden die Archäologen heute noch im Berg.
Besonders eindrucksvoll sind die Erkenntnisse über die Menschen selbst. Schon Kinder waren in die Arbeitsabläufe eingebunden, etwa indem sie für Beleuchtung sorgten oder beim Transport halfen. Auch Frauen verrichteten schwere körperliche Arbeit. Untersuchungen menschlicher Skelette aus dem Hallstätter Gräberfeld zeigen, wie sehr das Leben von körperlichen Belastungen geprägt war. Gleichzeitig belegen wertvolle Grabbeigaben, dass diese Gemeinschaft keineswegs arm war. Der Salzhandel hatte Hallstatt zu einem bedeutenden Wirtschaftszentrum gemacht.
Wenn der Müll zur wissenschaftlichen Schatzkammer wird
Ausgerechnet das, was die Menschen damals achtlos weggeworfen haben, ist für die Forscher heute besonders wertvoll. Denn im prähistorischen Salzbergwerk Hallstatt sind gewaltige Mengen an Betriebsabfällen erhalten geblieben. Darunter finden sich abgebrannte Leuchtspäne, beschädigte Werkzeuge, Stoffreste und Gegenstände aus dem Alltag.
Brandner und sein Team konnten zuletzt sogar wunderschön erhaltene Textilien freilegen, die beweisen, dass die Menschen schon damals farbenfrohe Kleidung mit Streifen und Karomustern trugen. Solche Entdeckungen verändern unser Bild von der Vergangenheit grundlegend.
Besonders faszinierend ist die Genauigkeit, mit der die Wissenschaft inzwischen arbeiten kann. Anhand der Jahresringe jener Holzspäne, mit denen die Bergleute ihre Arbeitsplätze beleuchteten, lassen sich einzelne Ablagerungen teilweise bis auf das genaue Jahr datieren. Und selbst aus jahrtausendealten menschlichen Ausscheidungen können Forscher heute noch Informationen über Ernährung, Krankheiten und das damalige Leben gewinnen.
Eine spektakuläre Entdeckung im Salzberg
Im September 2026 sorgte das Forschungsteam rund um Daniel Brandner für Schlagzeilen. Mithilfe gezielter Kernbohrungen konnte ein bislang unbekannter Komplex eisenzeitlicher Abbaukammern nachgewiesen werden, der sich über mehr als 300 Meter erstreckt. Eine Entdeckung, die neue Fragen aufwirft und der Forschung völlig neue Möglichkeiten eröffnet.
Die Dimensionen des prähistorischen Bergbaus sind beeindruckend. Bereits vor Jahrtausenden wurden riesige, teilweise mehr als 20 Meter hohe Hohlräume von Menschenhand geschaffen. Manche dieser Anlagen reichen tief ins Innere des Berges. Heute sind große Teile davon wieder verschlossen, denn das Gestein bewegt sich langsam und drückt die einstigen Hohlräume zusammen.
Mit modernen Untersuchungsmethoden, Kernbohrungen und aufwendiger Dokumentation gelingt es den Wissenschaftlern trotzdem, die verborgene Welt Stück für Stück zu rekonstruieren. Ein Teil der neu entdeckten Fundregion ist bereits zugänglich. Andere Bereiche werden die Forscher möglicherweise niemals direkt betreten können.
Der Mann im Salz und ein Berg voller Geheimnisse
Zu den außergewöhnlichsten Geschichten, die mit Hallstatt verbunden sind, gehört jene vom „Mann im Salz“. Im Jahr 1734 entdeckten Bergleute im Inneren des Salzbergs einen hervorragend erhaltenen menschlichen Körper. Der Mann trug noch Kleidung, Schuhe und einen Bart. Heute weiß man, dass er bereits um 660 vor Christus bei einem Unglück im Berg verschüttet worden war.
Damals konnte man die wissenschaftliche Bedeutung dieses Fundes noch nicht erkennen. Der Leichnam wurde am Hallstätter Friedhof begraben und ging damit für die Forschung verloren. Daniel Brandner erklärt im Podcast, welche unglaublichen Erkenntnisse eine vergleichbare Entdeckung mit den heutigen Möglichkeiten der Wissenschaft liefern könnte.
Gerade solche Geschichten zeigen, weshalb ihn die Forschung seit so vielen Jahren nicht mehr loslässt. Denn hinter jedem Stück Holz, jedem Werkzeug und jedem Kleidungsrest steht ein Mensch mit einer eigenen Geschichte.
Daniel Brandner: Ein Archäologe, der sich in den Berg verliebt hat
Die Leidenschaft für Archäologie entdeckte Daniel Brandner bereits als Schüler im steirischen Ennstal. Bei Forschungsarbeiten zur historischen Almwirtschaft am Dachstein kam er erstmals mit archäologischen Untersuchungen in Berührung. Während seines Studiums in Innsbruck führte ihn 2012 eine Exkursion nach Hallstatt. Dort war es um ihn geschehen: Der Berg hatte ihn sofort fasziniert.
Heute leitet er die Ausgrabungen und verbringt während der Forschungssaison viele Stunden unter Tage. Doch auch in seiner Freizeit zieht es ihn in die Berge. Einmal im Jahr geht er sogar von seiner Heimat im Ennstal zu Fuß über das Dachsteinmassiv nach Hallstatt. Eine Wanderung, für die er etwa zehn bis elf Stunden benötigt und die über Wege führt, die teilweise bereits seit Jahrtausenden genutzt werden.
In dieser außergewöhnlichen Folge von „ned zwida“ wird schnell klar: Daniel Brandner erforscht nicht einfach nur alte Gegenstände. Er versucht, die Geschichten jener Menschen sichtbar zu machen, die lange vor uns hier gelebt, gearbeitet und das Salzkammergut geprägt haben.
Eine faszinierende Begegnung mit einem leidenschaftlichen Forscher – und eine Zeitreise in das Herz des Salzkammerguts.
Die ganze Folge mit Daniel Brandner gibt es bei „ned zwida – der Salzkammergut Podcast“ auf Spotify, Apple Podcasts, YouTube und überall, wo es Podcasts gibt.
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