Folge 106: Xenia Hausner: Jedes Bild ist eine Abenteuerfahrt
Was passiert, wenn eine erfolgreiche Bühnenbildnerin irgendwann zwischen zwei Produktionen eine Platte aufstellt und einfach zu malen beginnt? Bei Xenia Hausner war dieser Moment keine große Lebensentscheidung. Kein Masterplan. Keine dramatische Kehrtwende. Es war zunächst eine Spielerei. Sie malte, verwarf, begann wieder von vorne – und schlitterte, wie sie selbst erzählt, beinahe beiläufig in jenes Metier hinein, das später ihr Leben bestimmen sollte. In Folge 106 von „ned zwida – der Salzkammergut Podcast“ besuchen Robert Steiner und Peter Zeitlhofer die international bekannte Malerin in ihrem Atelier und sprechen mit ihr über Kunst, Veränderung, Scheitern, gesellschaftliche Verantwortung und ihre besondere Beziehung zum Salzkammergut.

Vom Bühnenbild zur Malerei
Bevor Xenia Hausner zur Malerin wurde, arbeitete sie viele Jahre als erfolgreiche Bühnenbildnerin. Sie liebte Literatur, Räume und das gemeinsame Arbeiten am Theater. Das Malen war damals kein heimliches eigentliches Ziel und schon gar kein lange vorbereiteter Karrierewechsel. Irgendwann begann sie in ihrem Atelier, zwischen Werkzeug, Holz und Material für ihre Bühnenbilder, selbst zu malen. Zunächst ganz nebenbei. Erst mit der Zeit nahm diese neue Beschäftigung immer mehr Raum ein. Irgendwann wurde klar, dass sie sich entscheiden musste. Nicht, weil das Theater plötzlich falsch geworden war – sondern weil die Malerei sie immer stärker fesselte.
Dass ihr Vater Rudolf Hausner selbst einer der bekanntesten österreichischen Maler war, empfand sie dabei nicht als Belastung. Ihre eigene Arbeit sei von Beginn an anders gewesen – thematisch ebenso wie stilistisch. Rückblickend spricht sie von einer Kraft der Naivität, die ihr vielleicht sogar geholfen hat. Hätte sie damals schon alles gewusst, was sie später über die Kunstwelt lernen sollte, hätte ihr möglicherweise der Mut für diesen Schritt gefehlt.
Jedes Bild als Abenteuerfahrt
Planbarkeit interessiert Xenia Hausner nur bedingt. Natürlich beginnt ein Bild nicht ohne Idee. Aber wäre schon vor dem ersten Pinselstrich exakt klar, wie das fertige Werk aussehen wird, müsste sie, wie sie im Podcast sagt, den Pinsel eigentlich wieder fallen lassen.
Während des Malens verändert sich etwas. Das Bild entwickelt ein Eigenleben, verlangt Entscheidungen, zwingt zu neuen Wegen. Hausner beschreibt diesen Vorgang als Abenteuerfahrt. Man muss bereit sein, sich überraschen zu lassen, auf Zufälle zu reagieren und Dinge wieder zu verwerfen. Der Mut zum möglichen Scheitern ist für sie deshalb kein störender Nebeneffekt künstlerischer Arbeit, sondern ein wesentlicher Bestandteil davon.
Auch deshalb probiert sie immer wieder neue Ausdrucksformen aus. Nach Acryl, Öl, Fotografie, Collage und unterschiedlichen malerischen Techniken beschäftigt sie sich zunehmend auch mit dreidimensionalen Arbeiten. Nicht weil das nächste Ziel bereits feststehen würde, sondern gerade weil noch nicht klar ist, was daraus entsteht.
Menschen werden Xenia Hausner nicht einfach nur gemalt
Auch die Menschen in Xenia Hausners Bildern sind keine klassischen Modelle. Sie werden gecastet. Manchmal kennt sie sie bereits, manchmal entdeckt sie interessante Gesichter im Alltag, in Restaurants, bei Ausstellungen oder im Umfeld junger Künstlerinnen und Künstler.
Bis ein Bild entsteht, entwickelt sich zwischen Malerin und Modell ein besonderes Verhältnis. Wer in ihr Atelier kommt, sich fotografieren lässt und später Modell steht oder sitzt, muss ihr vertrauen. Gleichzeitig entsteht auch von ihrer Seite Offenheit. Hausner beschreibt dieses Verhältnis als ein starkes Band, das häufig über die Arbeit am eigentlichen Bild hinaus bestehen bleibt.
Das Bühnenbild hat ihre Arbeitsweise dabei nie völlig verlassen. Sie inszeniert Situationen, baut Räume und Arrangements, fotografiert ihre Modelle und beginnt anschließend mit dem Malen. Aus der ehemaligen Bühnenbildnerin wurde eine Malerin – die Bühne ist in ihren Werken trotzdem weiterhin präsent.

Was Kunst leisten kann
Für Xenia Hausner ist Kunst weit mehr als Dekoration. Gute Kunst kann ihrer Ansicht nach Wahrnehmung verändern und Menschen für Themen sensibilisieren. Sie wird keinen Krieg beenden und politische Probleme nicht unmittelbar lösen. Aber sie kann dazu beitragen, dass wir genauer hinschauen und Zusammenhänge anders wahrnehmen.
Hausner spricht im Podcast davon, dass Kunst Dinge verdichten kann. Zwischenmenschliche Beziehungen, Einsamkeit oder Liebe werden in einem Gemälde oder einem Roman in einer Intensität sichtbar, wie sie im Alltag häufig nicht vorkommt. Über Kunst, sagt sie, verstehe sie das Leben besser.
Deshalb ist ihre Arbeit immer wieder eng mit gesellschaftlichen Entwicklungen verbunden. Migration, Zugehörigkeit, Klimawandel oder die Rolle der Frau sind Themen, die in unterschiedlichen Formen Eingang in ihr Werk finden. Nicht dokumentarisch und nicht wie eine Reportage – sondern verarbeitet durch die eigene künstlerische Wahrnehmung.
Fünf vor zwölf im Salzkammergut
Besonders deutlich wird dieser Blick in ihren dreidimensionalen Arbeiten. Für die Kulturhauptstadt Europas Bad Ischl Salzkammergut 2024 war ihre Skulptur „Atemluft“ im öffentlichen Raum zu sehen. Inzwischen beschäftigt sie sich mit weiteren skulpturalen Formen. In Bad Ischl steht heute unter anderem ihre Arbeit „Zeitenwende“: eine Uhr, deren Zeiger fünf vor zwölf anzeigen und die sich so langsam um die eigene Achse dreht, dass die Bewegung beim kurzen Vorbeigehen kaum wahrnehmbar ist.
Für Hausner steht diese Zeitenwende nicht ausschließlich für den Klimawandel. Sie sieht eine Welt im Umbruch – gesellschaftlich, politisch und technologisch. Gleichzeitig empfindet sie das Salzkammergut als einen außergewöhnlichen Rückzugsort.
Genau darin liegt für sie aber auch ein Widerspruch. Schon vor Jahren sprach sie von Österreich als „gefährlicher Idylle“. Wer lange genug auf eine Landschaft wie jene rund um den Traunstein schaut, könnte beinahe vergessen, was anderswo geschieht. Deshalb ist ihr der Kontrast zu Großstädten wichtig. Dort erlebt sie soziale Veränderungen und gesellschaftliche Spannungen unmittelbar und nicht nur über Nachrichten.

„Welch ein Privileg, dass ich hier sein darf“
Trotz dieses kritischen Blicks lässt Xenia Hausner keinen Zweifel daran, wie viel ihr das Salzkammergut bedeutet. Im Word Rap unserer Folge nennt sie die Natur als das Allerwertvollste der Region. Noch nach Jahrzehnten könne sie am Morgen aus dem Fenster schauen und sich fragen, wie diese Schönheit Teil ihres Alltags sein könne.
Besonders eindrücklich erzählt sie von einem Novembertag vor vielen Jahren in Gmunden. Nebel lag über der Stadt, ein wenig vom See war zu sehen, und sie ging durch die Kirchengasse, nachdem sie ihre Schuhe zu einem Schuster gebracht hatte. In diesem völlig alltäglichen Moment habe sie plötzlich gedacht, welch ein Privileg es sei, genau hier sein zu dürfen.
Vielleicht beschreibt gerade diese Erinnerung Xenia Hausners Verhältnis zum Salzkammergut am besten: die Schönheit sehen, sie genießen – und trotzdem nicht vergessen, dass hinter dem Traunstein noch eine ganze Welt liegt.
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