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Folge 102: Was passiert gerade mit unseren Seen im Salzkammergut? Limnologe Prof. Dr. Rainer Kurmayer über Niedrigwasser, Quaggamuschel und Seenschutz

  • vor 11 Minuten
  • 4 Min. Lesezeit

Wer im Sommer 2026 an einem der großen Seen des Salzkammerguts unterwegs war, musste kein Messgerät mitbringen, um zu erkennen, dass etwas anders ist. Am Attersee, am Mondsee und am Wolfgangsee ist der Wasserstand ungewöhnlich niedrig. Stege liegen höher als gewohnt, Uferflächen kommen zum Vorschein und dort, wo sonst Wasser ist, sitzen plötzlich Badegäste. Was auf den ersten Blick sogar einen gewissen Reiz haben kann, ist für Limnologe Rainer Kurmayer vor allem eines: ein Warnsignal.

Robert Steiner, Prof. Dr. Rainer Kurmayer und Peter Zeitlhofer am Ufer des Modsees

Für Episode 102 von „ned zwida – der Salzkammergut Podcast“ besuchen Robert Steiner und Peter Zeitlhofer das Forschungsinstitut für Limnologie der Universität Innsbruck in Mondsee. Kurmayer ist stellvertretender Institutsleiter und beschäftigt sich seit vielen Jahren wissenschaftlich mit Binnengewässern. Ein passenderer Ort für die Frage, die diesen Sommer viele Menschen im Salzkammergut beschäftigt, lässt sich kaum finden: Was passiert gerade mit unseren Seen?


Ein See ist ein Speicher

Eine der wichtigsten Erkenntnisse des Gesprächs klingt zunächst simpel: Ein See ist nicht nur Wasser. Er ist Teil eines viel größeren Systems. Seen speichern Wasser, puffern Hochwasser ab und geben Wasser während trockener Perioden wieder an ihre Umgebung ab. Entscheidend dafür sind aber nicht nur die großen Wasserflächen selbst, sondern auch ihre Ufer und die angrenzenden Feuchtgebiete.

Natürliche Überschwemmungsflächen können Wasser aufnehmen und später langsam wieder abgeben. Kurmayer vergleicht diese Landschaft mit einem Schwamm. Genau diese Schwämme sind rund um viele Seen jedoch im Lauf der Jahrzehnte kleiner geworden. Ufer wurden verbaut, Flächen trockengelegt und Überschwemmungsbereiche zurückgedrängt.

Deshalb spielt ein Begriff im Gespräch immer wieder eine zentrale Rolle: Resilienz. Gemeint ist damit die Fähigkeit eines Ökosystems, sich nach Belastungen wieder zu erholen. Ein einzelner trockener Sommer bedeutet nicht automatisch, dass ein See dauerhaft geschädigt ist. Entscheidend ist jedoch, wie häufig solche Belastungen auftreten – und wie widerstandsfähig wir das System bis dahin erhalten.


Warum weniger Wasser nicht einfach mehr Strand bedeutet

Die provokante Frage liegt auf der Hand: Was ist eigentlich so schlimm daran, wenn ein großer, tiefer See einen niedrigeren Wasserstand hat?


Kurzfristig sieht es teilweise tatsächlich harmlos aus. Die Badeplätze werden größer, zusätzliche Schotterflächen kommen zum Vorschein und das Wasser kann weiterhin glasklar sein.

Ökologisch beginnt das Problem dort, wo die Verbindung zwischen See und Ufer verloren geht. Fische benötigen Uferbereiche zum Ablaichen, Jungfische brauchen geschützte Strukturen und Schilfgürtel erfüllen wichtige Funktionen. Fallen solche Bereiche über längere Zeit trocken oder verändern sich immer wieder massiv, wirkt sich das auf das gesamte System aus.


Traunsee und Hallstättersee: mehr Wasser aus einem problematischen Grund

Während andere Seen ungewöhnlich wenig Wasser führen, sieht es bei Traunsee und Hallstättersee teilweise anders aus. Ihr Einzugsgebiet wird noch vom Gletscherwasser beeinflusst.

Das klingt zunächst nach einer guten Nachricht. Tatsächlich weist Kurmayer aber darauf hin, dass sich dieser Effekt mit dem starken Rückzug der Gletscher verändern wird. Gletscherschmelzwasser hat Gewässer über lange Zeit gespeist und gekühlt. Dieser stabilisierende Einfluss wird geringer.

Damit wird deutlich, wie eng Seen, Flüsse, Niederschlag, Gletscher und Landschaft miteinander verbunden sind.


Die Quaggamuschel verändert unsere Seen im Salzkammergut

Das zweite große Thema der Folge begegnet mittlerweile vielen Menschen ganz unmittelbar: die Quaggamuschel. Sie ist nicht die erste invasive Muschelart in den heimischen Seen. Bereits die Zebramuschel breitete sich vor Jahrzehnten stark aus. Die Quaggamuschel ist jedoch besonders erfolgreich, weil sie im Gegensatz zur Zebramuschel auch weiche Sedimentflächen besiedeln kann.

Die Muscheln filtern große Mengen Wasser. Dabei entfernen sie unter anderem Kleinstlebewesen und greifen damit in das Nahrungsnetz des Sees ein. Gerade kleinere Seen können davon stärker betroffen sein.

am Ufer des Modsees mit der Drachenwand und dem Schafberg im Hintergrund

Völlig verschwinden wird die Quaggamuschel laut Kurmayer wahrscheinlich nicht mehr. Ihre explosionsartige Ausbreitung wird sich irgendwann stabilisieren – trotzdem wird sie die Gewässer verändern. Und sie führt zu einer weiteren Frage: Wie verhindern wir, dass die nächste invasive Art kommt? Boote, Surfboards, Neoprenanzüge und andere Ausrüstung können Organismen von einem Gewässer zum nächsten transportieren. Reinigen und vollständiges Trocknen können deshalb einen Beitrag leisten.


Was jeder Einzelne tun kann

Die Probleme sind groß, aber das Gespräch endet nicht bei abstrakten Forderungen.

Kurmayer nennt ganz konkrete Möglichkeiten: Müll und lokale Verschmutzungen haben am Ufer nichts verloren. Tiere oder Pflanzen dürfen niemals bewusst in einen See eingebracht werden. Wer mit Boot, Surfboard oder anderer Ausrüstung zwischen Gewässern wechselt, sollte darauf achten, keine Organismen mitzutransportieren. Und natürliche Uferzonen verdienen besonderen Schutz.

Vor allem aber geht es ihm um Wissen. Menschen schützen eher etwas, dessen Bedeutung sie verstehen.


Dass Veränderung möglich ist, zeigt auch die Vergangenheit. Der Gewässerschutz der vergangenen Jahrzehnte ist für Kurmayer eine Erfolgsgeschichte. Ringkanalisationen und Kläranlagen haben die Belastung vieler Seen massiv reduziert. Probleme, die früher beinahe selbstverständlich wirkten, konnten gelöst werden.


Heute stehen die Seen vor neuen Herausforderungen.


„Naturschutz ist Menschenschutz“

Vielleicht ist das der Satz, der am stärksten aus dieser Episode hängen bleibt.

Denn die Seen des Salzkammerguts sind nicht nur Lebensraum. Sie speichern Wasser, prägen das Klima ihrer Umgebung, ermöglichen Tourismus und Freizeit, sind Wirtschaftsraum und schlicht ein wesentlicher Teil dessen, was diese Region ausmacht. Oder, wie es im Gespräch deutlich wird: Was wäre Mondsee ohne See?


Die Veränderungen dieses Sommers sind deshalb Grund genug, genau hinzuschauen. Nicht, um in Panik zu geraten. Sondern um zu verstehen, was geschützt werden muss.


Episode 102 von „ned zwida – der Salzkammergut Podcast“ mit Rainer Kurmayer erscheint am Dienstag, 25. August 2026, auf allen gängigen Podcast-Plattformen.


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