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Folge 97 - Philipp Eisl: Vier musikalische Leben und die Suche nach der eigenen Stimme

  • 20. Juli
  • 5 Min. Lesezeit

Punkrocker, Rapper, Lehrer, Kindermusiker und Mundartsänger: Bei Philipp Eisl reicht eine Berufsbezeichnung nicht aus. Der aus Strobl am Wolfgangsee stammende Musiker steht seit rund 20 Jahren auf der Bühne und hat in dieser Zeit mehr als 500 Konzerte gespielt. In Episode 97 von „ned zwida – der Salzkammergut Podcast“ erzählt er von großen Träumen, musikalischen Neuanfängen und einer Heimat, die er zuerst verlassen musste, um wieder zu ihr zurückfinden zu können.

Das Gespräch mit Peter Zeitlhofer und Robert Steiner findet auf einem Boot am Attersee statt – einem Ort, mit dem Philipp seit seiner Kindheit verbunden ist. Seine Großeltern lebten in Seewalchen, er besuchte die HTL in Vöcklabruck und verbrachte einen großen Teil seiner Jugend in der Region.

Trotzdem fühlte er sich lange nicht als selbstverständlicher Teil dieser Heimat. Während andere am Sonntagmorgen in die Kirche gingen, kam er mit seinen Freunden vom Fortgehen nach Hause. Punkrock, Skateparks und das Gefühl, anders zu sein, wurden zu wichtigen Teilen seiner Jugend.


Vom Wolfgangsee nach Los Angeles

Die Geschichte von The Forum Walters beginnt denkbar unkompliziert. Einige Jugendliche beschließen in der HTL, eine Band zu gründen. Wer welches Instrument übernimmt, wird teilweise ausgelost. Der Bandname entsteht, weil neben einem Schüler mit einem Forum-Snowboard-Pullover ein anderer namens Walter sitzt.

Aus dieser spontanen Idee wird eine Punkrockband, die zehn Jahre besteht und mehr als 300 Konzerte spielt. Schon früh denken Philipp und seine Bandkollegen groß. Ihr erstes Album nehmen sie in Los Angeles auf – obwohl sie damals, wie Philipp heute lachend erzählt, noch kaum wussten, wie professionelle Studioarbeit funktioniert. Die fehlende Erfahrung wird durch Entschlossenheit ersetzt.

Nach den Aufnahmen ist für die Band klar: Wenn das Album schon in Kalifornien entsteht, muss auch eine Tour durch die USA folgen. Philipp schreibt rund 2.000 E-Mails, organisiert Konzerte und macht das scheinbar Unmögliche möglich. Später spielt die Band 64 Auftritte in 60 Tagen und reist dabei durch 26 US-Bundesstaaten.


Diese Jahre prägen ihn bis heute. Punk ist für Philipp weniger eine bestimmte Musikrichtung als eine Haltung: selbst aktiv werden, bestehende Regeln hinterfragen und sich nicht davon abhalten lassen, dass man am Anfang noch nicht weiß, wie etwas funktioniert.

Philipp Eisl und die Kraft der Sprache

Nach rund zehn Jahren verändern sich die Prioritäten innerhalb der Band. Während Philipp und ein weiterer Musiker weitermachen möchten, können oder wollen die anderen nicht mehr jeden Urlaub für Tourneen verwenden. Philipp sucht deshalb nach einer musikalischen Form, in der er selbst der wichtigste Entscheidungsträger ist. So entsteht Philiam Shakesbeat.


Mit dem Wechsel vom Punkrock zum Hip-Hop verändert sich auch seine Sprache. Die Lieder von The Forum Walters waren auf Englisch geschrieben. Als Rapper beginnt Philipp erstmals, seine Texte auf Deutsch zu verfassen. Sprache hatte ihn allerdings schon lange begleitet. Bereits in der Schule schrieb er Tagebücher, Gedichte und verschiedenste Listen. Im Hip-Hop wird diese Leidenschaft schließlich zum zentralen Werkzeug.


Heute unterrichtet Philipp Deutsch, Englisch und Sport. Gleichzeitig arbeitet er wissenschaftlich an der Frage, wie Musik, Sprache und Bewegung gesellschaftlichen Zusammenhalt schaffen können.

Sein Ziel ist es nicht, für andere Menschen zu sprechen. Er möchte ihnen helfen, ihre eigene Stimme zu entdecken. Gerade für Kinder und Jugendliche, die sich aufgrund ihrer Herkunft, Sprache oder sozialen Situation nicht ausreichend gesehen fühlen, kann Musik einen Raum schaffen, in dem ihre Erfahrungen vorkommen und ernst genommen werden.

Brudi & Bär: Hip-Hop, der Kinder ernst nimmt

Aus einem fehlenden Feuerwehrlied entsteht eines der wichtigsten aktuellen Projekte in Philipp Eisls Leben. Der Sohn seines musikalischen Partners Oliver Cortez wünscht sich ein Lied über die Feuerwehr. Da die beiden nichts Passendes finden, schreiben sie selbst eines. Aus dieser Idee entwickelt sich Brudi & Bär. Das Duo macht Hip-Hop für Kinder und verbindet hochwertige Musik mit Themen, die im Alltag vieler Familien eine wichtige Rolle spielen: Gefühle, Selbstliebe, Akzeptanz, Vielfalt, Freundschaft und unterschiedliche Erstsprachen. Innerhalb eines Jahres spielen Brudi & Bär rund 50 Konzerte. Sie treten in Kindergärten, Parks und bei Kulturveranstaltungen auf. Gleichzeitig ist ihnen wichtig, dass ein Teil ihrer Arbeit kostenlos zugänglich bleibt.


Kultur dürfe nicht davon abhängen, ob sich eine Familie Eintrittskarten um 80 oder 90 Euro leisten könne, erklärt Philipp im Gespräch. Deshalb spielen Brudi & Bär bewusst Gratiskonzerte und suchen nach Fördermodellen, die niederschwelligen Kulturzugang ermöglichen.

Wie wertvoll diese Arbeit sein kann, zeigt eine Nachricht, die das Duo nach einem Konzert erreicht: Ein Kind hatte seit längerer Zeit nicht mehr in der Sprache seines Vaters mit ihm gesprochen. Nach dem Konzert tat es das wieder.


Für Philipp ist genau das die Art von kreativem Erbe, die er hinterlassen möchte.


Phidi: Die Rückkehr zur Mundart und zur Heimat

Obwohl Punkrock und Hip-Hop weiterhin wichtige Teile seines Lebens sind, fühlt sich Philipp in einem anderen Projekt besonders unmittelbar: Phidi. Mit Akustikgitarre und Mundartliedern tritt er unter anderem als Straßenmusiker in Wien auf. Dort spielt er für alle und gleichzeitig für niemanden – für Menschen, die stehen bleiben, und für jene, die einfach weitergehen.

In der Mundart ist Philipp nach eigener Aussage persönlicher als in jeder anderen musikalischen Ausdrucksform. Sie bringt ihn nicht nur sprachlich, sondern auch emotional zurück zu seinen Wurzeln.

Diese Entwicklung spiegelt sich im Album „Liebesg’schichtn & Herzenssachen“. Während Philiam Shakesbeat stärker davon erzählt, was gesellschaftlich falsch läuft, widmet sich Phidi der Liebe, dem Glück und der Schönheit des Lebens.


Philipp erzählt im Podcast von einem Moment im Attersee. Während er im kühlen Wasser schwimmt und auf die Felswände rund um den See blickt, wird ihm bewusst, wie glücklich und privilegiert er ist.

Gesellschaftliche Ungerechtigkeit müsse weiterhin aufgezeigt werden. Gleichzeitig hätten viele Menschen verlernt, ihr Glück wirklich auszuleben – nicht durch Statussymbole oder demonstrativen Wohlstand, sondern auf eine Weise, die auch das eigene Umfeld heller macht.


Was ein gestohlenes Fahrrad hinterlassen kann

Einer der persönlichsten Songs des Albums heißt „Puch Clubman“. Das darin besungene Fahrrad hatte Philipp von seinem Großvater bekommen. Er fuhr damit früher zu seiner Arbeit nach Lenzing.

Als das Rad gestohlen wird, trifft ihn der Verlust unerwartet stark. Durch das Schreiben des Liedes erkennt er jedoch, dass das Fahrrad immer nur ein Symbol war. Die Zuneigung zu seinem verstorbenen Großvater und dessen Einfluss auf sein Leben trägt er weiterhin in sich.


Der Großvater war selbst musikalisch, engagierte sich in Seewalchen und schrieb unter anderem das Seewalchner Lied. Von ihm hat Philipp vermutlich auch einen Teil jener Energie geerbt, die ihn bis heute von Projekt zu Projekt treibt.


Kurz vor der Podcastaufnahme ist Philipp selbst Vater geworden. Plötzlich wird aus dem Musiker und Lehrer, der anderen beim Finden ihrer Stimme helfen möchte, auch ein Vorbild für das eigene Kind.

Er möchte ihm zeigen, wie wichtig es ist, im Moment zu leben. Und er möchte vorleben, was es für ihn bedeutet, ein guter Mann zu sein – ohne seinem Kind vorzuschreiben, welchen Weg es später selbst einschlagen soll.


Am Ende dieser Folge steht deshalb keine abgeschlossene Entwicklung. Philipp Eisl ist weiterhin ein „empathisch Getriebener“, der neue Projekte beginnt, neue Ausdrucksformen sucht und sich ständig weiterentwickelt.


Doch je öfter er sich neu erfindet, desto deutlicher scheint zu werden, was sich durch all seine musikalischen Leben zieht: der Wunsch, Menschen zu verbinden, ihnen Mut zu machen und mit Sprache etwas zu hinterlassen.


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1 Kommentar

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Gast
21. Juli
Mit 5 von 5 Sternen bewertet.

Toller Beitrag von Philipp Eisl,

Bravo!!

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Servaas, danke fürs Vorbeischauen!

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