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Folge 96 - Einfach losfahren: Michael Reisecker von Reiseckers Reisen über Mut, Sinn und echte Begegnungen

  • vor 12 Minuten
  • 4 Min. Lesezeit

Er fuhr los, ohne genau zu wissen, wen er treffen würde. Er hatte keine Liste mit prominenten Gästen, keinen minutiösen Drehplan und oft nicht einmal eine Unterkunft für die kommende Nacht. Was Michael Reisecker dafür mitbrachte, waren ein weißer VW-Bus, eine selbst entwickelte Kamerabrille und eine beinahe unerschöpfliche Neugier auf Menschen. Aus dieser ungewöhnlichen Kombination entstand „Reiseckers Reisen“. Eine Dokumentarreihe, die Österreich nicht aus der Distanz betrachtete, sondern mitten in den Alltag der Menschen eintauchte. In Folge 96 von „ned zwida – der Salzkammergut Podcast“ erzählt Michael Reisecker am Attersee, wie dieses Format möglich wurde – und warum sein wichtigstes Werkzeug niemals die Kamera war.

Michael Reisecker und die Kunst der echten Begegnung

Die Kamerabrille wurde zum Markenzeichen von „Reiseckers Reisen“. Sie war klein, unauffällig und half dabei, dass die Menschen die Aufnahmesituation nach kurzer Zeit vergaßen. Michael Reisecker wehrt sich jedoch dagegen, den Erfolg seines Formats allein auf diese Technik zu reduzieren.

Entscheidend war für ihn immer der Mensch hinter der Kamera. Wer nicht wirklich neugierig ist, wer nur eine vorbereitete Liste abarbeitet oder bereits weiß, welche Antwort er hören möchte, wird auch mit der besten Technik kein offenes Gespräch führen.


Michael stellte einfache, gerade Fragen: Wer bist du? Was machst du? Und warum machst du das? Die Antworten führten häufig viel tiefer, als er es selbst erwartet hatte. Menschen öffneten ihre Häuser und erzählten von ihrer Arbeit, ihren Beziehungen, ihren Ängsten und ihren Lebensentscheidungen.

Manche Gespräche wurden so persönlich, dass Michael Reisecker sie bewusst nicht für die Sendung verwendete. Vertrauen bedeutete für ihn nicht nur, eine gute Geschichte zu bekommen. Es bedeutete auch, verantwortungsvoll mit ihr umzugehen.

Von der sicheren Karriere zur Suche nach Sinn

Auch Michael Reiseckers eigener Lebensweg verlief alles andere als geradlinig. Nach einem Jahr an der Tourismusschule in Bad Ischl begann er eine Lehre als Kfz-Techniker. Später holte er in der Abendschule die Matura nach, absolvierte ein technisches Studium und arbeitete in der Forschung.

Er hatte einen sicheren, gut bezahlten Arbeitsplatz und internationale Möglichkeiten. Trotzdem ertappte er sich bereits zu Beginn der Woche bei dem Gedanken, wie lange es noch bis zum Wochenende dauern würde.


Für Michael war das ein Warnsignal. Ihm fehlte nicht das Geld und auch nicht die berufliche Perspektive. Ihm fehlte der Sinn. Also kündigte er. Eine Entscheidung, die er bis heute nicht bereut. Seine Suche richtete sich dabei, wie er im Podcast erzählt, nie ausschließlich auf das Glück. Sie richtete sich auf Tätigkeiten, die sich für ihn im jeweiligen Moment sinnvoll anfühlten.

Ein Leben im Sowohl-als-auch

Dokumentarfilmer, Workshopleiter, Eismacher, Gemeinderat: Michael Reiseckers Biografie lässt sich kaum in eine einzelne Berufsbezeichnung pressen. Nach dem Ende von „Reiseckers Reisen“ entstand während der Pandemie die Idee zu einer eigenen Eismanufaktur. Im BioEiseck in Regau verbindet er Handwerk, regionale Produkte, Nachhaltigkeit und seine Freude am Experimentieren. Dass ein erfolgreicher Dokumentarfilmer plötzlich selbst Eis entwickelt und produziert, wirkt auf den ersten Blick wie ein radikaler Bruch. Für Michael ist es lediglich ein weiteres Kapitel desselben kreativen Lebens.

Daneben arbeitet er mit Schulen und Unternehmen. Jugendliche und Lehrlinge werden dabei selbst mit Kameras losgeschickt, sprechen fremde Menschen an oder entdecken den eigenen Betrieb aus einer neuen Perspektive. Es geht um Mut, Kommunikation und die Erkenntnis, dass hinter jeder Person eine Geschichte steckt.


Auch in der Gemeindepolitik übernimmt Michael Reisecker Verantwortung. Als Fraktionsobmann der Grünen in Regau erlebt er, wie schwierig, aber auch wie wichtig demokratische Arbeit auf lokaler Ebene sein kann. Politik ist nur einer von mehreren Bereichen seines Lebens – aber einer, in dem er nicht bloß zuschauen wollte.


So funktioniert Österreich

Mit der neuen ORF-Dokumentarreihe „So funktioniert Österreich“ ist Michael Reisecker wieder stärker in der Filmwelt angekommen. Das Format blickt hinter die Kulissen jener Institutionen, die das tägliche Leben im Land mittragen.


Im Mittelpunkt stehen nicht abstrakte Organisationsstrukturen, sondern die Menschen, die dort arbeiten. Die erste Folge begleitet Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter des Roten Kreuzes in Oberösterreich. Danach folgt ein Blick hinter die Kulissen des Parlaments.


Michael selbst steht diesmal nicht im Bild. Seine Handschrift bleibt dennoch erkennbar: ruhige Beobachtungen, Gespräche im Dialekt und ein echtes Interesse an den Menschen, die oft abseits der öffentlichen Aufmerksamkeit dafür sorgen, dass eine Gesellschaft funktioniert.


Vertrauen, loslassen und einfach abbiegen

Ist das Leben Zufall? Michael Reisecker glaubt, dass man zumindest einen Teil davon selbst beeinflusst. Wer an einer Kreuzung steht, muss sich entscheiden, ob er links oder rechts fährt. Erst durch diese Entscheidung können einem neue Menschen und Geschichten begegnen. Nicht jede Abzweigung lässt sich planen. Nicht jedes Projekt gelingt. Und nicht jede Entscheidung bringt Sicherheit. Doch wer immer nur auf den perfekten Zeitpunkt wartet, wird möglicherweise nie losfahren.


Vielleicht ist das die stärkste Botschaft dieser Folge: Man muss nicht bereits wissen, wie das nächste Kapitel endet. Es reicht manchmal, den Mut zu haben, es aufzuschlagen.


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