Folge 101: Lena Trausner-Steinböck: Die Chefin der Bergrettung Hallstatt
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Wenn irgendwo rund um Hallstatt am Berg etwas passiert, kann bei Lena Trausner-Steinböck jederzeit das Handy läuten. Ein Alarm, einige wenige Informationen zum Einsatz – und innerhalb kürzester Zeit beginnt sich ein Rad zu drehen. Seit April steht Lena an der Spitze dieses Rades. Sie leitet die Bergrettung Hallstatt, führt ein Team von 24 ehrenamtlichen Bergretterinnen und Bergrettern und ist damit die erste Frau an der Spitze einer Bergrettungs-Ortsstelle in Oberösterreich. Rund 35 Einsätze bewältigt die Ortsstelle durchschnittlich pro Jahr. Für Episode 101 von „ned zwida“ besuchen wir Lena dort, wo viele dieser Einsätze ihren organisatorischen Ausgangspunkt haben: im Einsatzraum der Bergrettung Hallstatt im Echerntal. Und wollen vor allem eines wissen: Was bedeutet es eigentlich, eine Bergrettung zu führen?

Bergrettung Hallstatt: Führung, wenn es wirklich darauf ankommt
Die Menschen, die Lena heute führt, sind keine anonymen Mitarbeiter. Viele kennt sie praktisch ihr ganzes Leben. Es sind Nachbarn, ehemalige Schulkollegen und Freunde. Menschen, mit denen sie gemeinsam klettern geht, Übungen absolviert – und mit denen sie ausrückt, wenn andere Hilfe brauchen. Genau darin liegt für Lena eine der größten Stärken ihrer Ortsstelle.
Teamgeist, Zusammenhalt und Kontinuität sind jene Begriffe, mit denen sie ihre Zeit an der Spitze der Bergrettung Hallstatt verbinden möchte. Dabei stellt Lena im Gespräch etwas sehr schnell klar: Bergrettung hat für sie wenig mit Einzelhelden zu tun. Niemand kann alles. Der eine ist in einem Bereich besonders stark, die andere in einem anderen. Entscheidend ist, dass jeder seine Fähigkeiten und Grenzen kennt – und dass das Team als Ganzes funktioniert.
Die wichtigste Regel der Chefin: Selbstschutz vor Fremdschutz
Vielleicht sagt kaum ein Satz mehr über Lenas Führungsverständnis aus als dieser: „Selbstschutz vor Fremdschutz.“ Es ist eine der wichtigsten Regeln jeder Einsatzorganisation. Und für Lena bedeutet sie auch: Wer sich bei einem Einsatz etwas nicht zutraut, muss das sagen können. Wer eine Situation als zu gefährlich empfindet, darf sich zurücknehmen und eine andere Aufgabe übernehmen. Ohne Kritik. Ohne falschen Ehrgeiz.
Gerade dort, wo Menschen helfen wollen, braucht es offenbar eine Fähigkeit ganz besonders: zu wissen, wann man etwas nicht tun sollte. Diese Haltung zieht sich durch das gesamte Gespräch. Verantwortung bedeutet für Lena nicht, immer weiterzugehen, sondern Situationen richtig einzuschätzen – für sich selbst und für das gesamte Team.
Wenn mitten in der Nacht der Alarm kommt
Einen klassischen Dienstplan gibt es bei der Bergrettung Hallstatt nicht. Das Team befindet sich in Bereitschaft. Wird Hilfe benötigt, kommt ein Alarm aufs Handy. Manchmal tagsüber, manchmal mitten in der Nacht. Wo sich die Mannschaft trifft und wer welche Aufgabe übernimmt, hängt vom jeweiligen Einsatz ab. Manche fahren Material holen, andere machen sich bereits auf den Weg Richtung Einsatzort.
Innerhalb kürzester Zeit muss aus vielen einzelnen Menschen ein funktionierendes Team werden. Genau diese Abläufe machen auch deutlich, welche Verantwortung an der Spitze einer Ortsstelle liegt. Entscheidungen müssen schnell getroffen werden, gleichzeitig muss jeder wissen, was zu tun ist und wo die eigenen Grenzen liegen.
Die Geschichten hinter den Einsätzen
Dass diese Arbeit weit mehr ist als Organisation und alpine Technik, zeigt uns Lena mit einem kleinen Sackerl. Wenige Tage vor unserem Gespräch hatte die Bergrettung Hallstatt eine Familie aus den Bergen geholt. Sie war durchnässt und erschöpft, mit dabei war auch ein kleines Kind. Zurück im Einsatzraum gab es trockene Sachen, Tee – und natürlich Gummibärli.
Später bedankte sich die Familie mit Zeichnungen der Kinder und einem großen „Danke“. Für Lena sind das jene Momente, die zeigen, warum sich all der Aufwand lohnt. Nicht jeder Einsatz endet mit einem solchen Dankeschön, aber genau diese kleinen Gesten bleiben hängen.
Und dann gibt es natürlich jene Geschichten, die man kaum erfinden könnte. Zum Beispiel Dackel Raudi. Der sprang aus einem Auto, verschwand in den Bergen und löste eine Suchaktion aus. Seine vermeintliche Spur führte die Bergretter zunächst allerdings auf eine kleine zoologische Fährte, die sich später als Spur eines anderen Tieres herausstellte. Raudi wurde trotzdem gefunden – und hatte laut Tracking-Halsband davor eine erstaunlich ausgedehnte Tour hingelegt.
„Alle Herren hier stehen unter meinem Kommando“
Dass Lena heute als Frau eine Bergrettungs-Ortsstelle führt, ist historisch. Für sie selbst scheint dieser Umstand allerdings deutlich weniger spektakulär zu sein als für manche Menschen rundherum. Noch wenige Wochen vor unserer Aufnahme wurde sie bei einem Einsatz von einem Mann sinngemäß als jene Person wahrgenommen, die offenbar für die Betreuung der Kinder zuständig sei – die „Kindergarten-Tante“.
Lena stellte zunächst einmal klar, dass die korrekte Bezeichnung Elementarpädagogin wäre. Und dann auch, wer hier tatsächlich welche Rolle hatte: „Alle Herren, die ihr hier seht, stehen unter meinem Kommando.“ Ein großartiger Moment, aber eigentlich nur eine kleine Randgeschichte in einer viel größeren Geschichte über Führung, Selbstverständlichkeit und Verantwortung.
Gute Bergrettung beginnt lange vor dem Einsatz
Lena hat auch eine klare Botschaft an alle, die selbst in die Berge gehen. Gute Tourenvorbereitung bedeutet für sie: Wetterbericht prüfen, Höhenmeter und Wegstrecke kennen, genügend Zeit einplanen und sich vorher überlegen, welche Ausrüstung wirklich notwendig ist. Und vor allem: Die beste Ausrüstung hilft nichts, wenn man nicht damit umgehen kann.
Lena erlebt immer wieder Menschen mit extrem hochwertigem Equipment, die dessen Verwendung nicht beherrschen. Wer beispielsweise ein LVS-Gerät besitzt, aber nicht weiß, wie es funktioniert, wird damit im Ernstfall niemandem helfen können. Ähnlich sieht sie es bei der Tourenplanung. Sie selbst folgt nicht einfach irgendwelchen fremden GPS-Tracks, sondern plant ihre Touren lieber selbst oder verwendet nur Tracks von Menschen, denen sie wirklich vertraut.
Eine Chefin, die lieber vom Team spricht
Lena selbst ist seit fast zehn Jahren bei der Bergrettung. Schon als Jugendliche kam sie erstmals bei einer Übung mit der Organisation in Kontakt. Später entschied sie sich bewusst dafür, erst dann wirklich einzusteigen, als sie auch die notwendige Zeit und Reife dafür hatte.
Heute arbeitet sie hauptberuflich in der Prozesstechnik bei den Salinen, ist ausgebildete Chemikerin und verbringt auch privat möglichst viel Zeit am Berg. Doch wenn man Lena fragt, was einen guten Bergretter ausmacht, erzählt sie nicht lange vom Einzelnen. Sie erzählt vom Team.
Vielleicht ist genau das eine ziemlich gute Erklärung dafür, warum heute ausgerechnet sie an dessen Spitze steht.
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